1. Problemstellung
Der 1999 in Gang gesetzte Bologna-Prozess führte in Deutschland zu der bislang umfassendsten Reform des Hochschulsystems. Die gestuften Studiengänge und die externe Qualitätssicherung durch Akkreditierung wurden auf der Grundlage Ländergemeinsamer Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz gestaltet. Die Akkreditierungsverfahren der letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass es neben vielen guten und gelungenen Reformenansätzen auch Umsetzungsschwierigkeiten gegeben hat. Korrekturbedarf in der Studienstrukturreform ist deshalb unbestritten. Allerdings kann erst eine systematische Evaluation der Umsetzungsprobleme und ihrer Ursachen sowie die Erhebung und Analyse der Sichtweisen aller wichtigen Akteure zu einer vertieften Einsicht über die Erfolgsbedingungen einer Nachjustierung führen. Die ZEvA führt seit dem Sommer 2009 eine empirische Erhebung durch, deren Ergebnisse nicht nur den Hochschulen als Information und Handlungsempfehlung für hochschulinterne Korrekturmaßnahmen dienen sollen, sondern auch Anregungen zur Verbesserung des Akkreditierungssystems liefern könnten.
2. Untersuchungsdesign
Die Komplexität der Studienstrukturreform erfordert eine Methodentriangulation, die die Sichtweise aller Stakeholder erfassen kann. Der erste Teil der empirischen Erhebung, die Dokumentenanalyse, hat zum Ziel, die Probleme bei der Umsetzung der Studienstrukturreform auf der Basis der getroffenen Akkreditierungsentscheidungen zu identifizieren und zu typisieren. Bei der Umsetzung der Studienstrukturreform haben sich die Hochschulen an den Kriterien des Deutschen Akkreditierungsrats orientiert, die sich wiederum weitgehend aus dem Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse und den Ländergemeinsamen Strukturvorgaben der Kultusminister ableiten. Im Akkreditierungsverfahren prüfen die Agenturen, ob die Studiengänge diesen Kriterien entsprechen. Es werden Auflagen ausgesprochen, wenn Mängel vorliegen. Im Rahmen der Dokumentenanalyse sind 93,2 % aller Akkreditierungs- u. Reakkreditierungsverfahren (1.286 von 1.380 Verfahren), die in Niedersachsen zwischen dem 1.7.2004 und dem 31.12.2009 durchgeführt wurden, ausgewertet und mit einer Kontrollgruppe verglichen worden, die die Hochschulen außerhalb Niedersachsens repräsentiert (649 Akkreditierungsverfahren). Die mit den Akkreditierungsentscheidungen verbundenen Auflagen wurden als Hinweise auf Umsetzungsschwierigkeiten interpretiert. Die Dokumentenanalyse wurde mit einem eigens hierfür entwickelten Kodierkonzept durchgeführt, welches die in den Auflagen angesprochenen Mängel gemäß den Kriterien des Akkreditierungsrats erfasst. Das Kodierkonzept wurde zunächst deduktiv aus den Vorgaben entwickelt und unter Berücksichtigung der empirischen Daten erweitert. Alle theoretisch möglichen Beanstandungen wurden in das Kodierkonzept übernommen und so trennscharf wie möglich den Kriterien des Akkreditierungsrats zugeordnet.
Die Ergebnisse der Dokumentenanalyse lieferten wichtige Hinweise auf die Reformbereiche, in denen die Umsetzung der Vorgaben nicht gut gelungen ist. Sie wurden für den zweiten Teil der empirischen Studie genutzt, um Items für die Befragungen zu generieren. Befragt wurden Vizepräsidenten für Studium und Lehre, Qualitäts- und Bologna-Beauftragte, Studiendekane und Programmverantwortliche sowie Studierendenvertreter mit standardisierten Fragebögen, die online versandt wurden. Befragt wurden zwischen Januar bis März 2011 insgesamt 509 niedersächsische Hochschulmitarbeiter. An der Befragung haben sich 189 Personen beteiligt, so dass eine Rücklaufquote von 37% realisiert wurde.
Von den Fachschaften wurden 24 Studierendenvertreter aus 10 verschiedenen Hochschulen zu einem Interview eingeladen, um vertiefte Informationen zu Mechanismen, Bedingungen und Ursachen von Umsetzungsproblemen zu erhalten. Die Auswahl erfolgte nach der Zugehörigkeit zum Fach. Die Befragten repräsentierten fast alle Hauptstudienbereiche der niedersächsischen Hochschulen. Die Gespräche wurden durch den Interviewer strukturiert, zugleich jedoch offen geführt, so dass die Befragten zu jedem Problembereich ihre Einschätzung ausführlich erläutern und auf Ursachen und Bedingungen für etwaige Umsetzungsschwierigkeiten eingehen konnten.
3. Projektabschluss
Die Evaluation wurden 2011 erfolgreich abgeschlossen. Die wesentlichen Ergebnisse sind am 11. Januar 2012 im Rahmen des Seminars "The Impact of Quality Assurance and Accreditation" des European Consortium for Accreditation (ECA) vorgestellt worden. Die Evaluationsergebnisse werden außerdem im Rahmen der EIQA-Tagung "Studium und Lehre nach Bologna: Perspektiven der Qualitätsentwicklung" am 25. und 26. Oktober 2012 in der Evangelischen Akademie Loccum präsentiert. Die Monographie zu dem Evaluationsprojekt wird im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht ("V&R unipress") unter dem Titel "Bologna (aus)gewertet - Eine empirische Analyse der Studienreform" veröffentlicht. Des Weiteren wurde ein Paper mit den zentralen Evaluationsergebnissen im "Journal of Higher Education Management and Policy" (Vol. 24, Issue 1) angenommen und in Kürze veröffentlicht ("The impact of accreditation on the reform of study programmes in Germany").
Das Evaluationsprojekt wurde in der ZEvA-Geschäftsstelle hauptverantwortlich von Herrn Manuel Pietzonka betreut (E-Mail: pietzonka@zeva.org; Telefon: 0511 / 54 355 - 715).